Oberflächenveredelungsindustrie – Bewältigung der Coronakrise

Oberflächenveredelungsindustrie – Bewältigung der Coronakrise
  • Am: Di., 09.06.2020 - 10:26
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Noch zu Jahresbeginn hätte kein Manager in einem Unternehmen in der Oberflächenveredlungsindustrie glauben können, welche erheblichen Herausforderungen das Jahr 2020 bieten wird. Ging es zu Jahresbeginn doch um Fachkräftemangel, die Bewältigung des enormen Arbeitsanfalls und weltweite umfassende Logistiklösungen. Ein Ende des Wachstums schien nicht in Sicht. Dann informierte der Bundesgesundheitsminister über ein Virus in China, wovor die deutsche Bevölkerung und auch die Wirtschaft keine Angst zu haben brauche. Es sollte ganz, ganz anders kommen! Kurz danach ging es um eine Epidemie, die schnell zur Pandemie wurde und international sowie national zahlreiche Todesopfer fordert. Die weltweite Wirtschaft brach ein; und zwar so stark wie nach dem zweiten Weltkrieg nicht mehr, obwohl in all den Jahren auch schon Krisen die Wirtschaft erschütterten und man Krisenmanagement in der Branche gewöhnt war.

Als Querschnittsindustrie ist die Oberflächenveredelungsbranche besonders getroffen. Die Unternehmen in der Oberflächenveredelungsindustrie liefern in zahlreiche Industriezweige weltweit, ob Automotive, Flugzeugbau, Maschinenbau, Architektur oder andere. Dies kann ein Vorteil sein, wenn die einzelnen Zweige in unterschiedlicher Art und Weise betroffen sind. Insbesondere Unternehmen, die monothematisch aufgestellt sind, stehen vor einer neuen Herausforderung.

Der Verband für die Oberflächenveredlung von Aluminium e. V. (VOA) wollte von seinen Ordentlichen Mitgliedern (OM), die eloxieren, beschichten und entlacken, und seinen Fördermitgliedern (FÖM), insbesondere aus der Chemie- und Pulverherstellungsbranche, in einer Kurzumfrage, die nicht länger als vier Minuten in Anspruch nahm, wissen, wie besorgt die Unternehmen über die Folgen der Coronapandemie sind. Über 90 % der OM und 100 % der FÖM äußerten sich besorgt. Dies vor allem aufgrund des Bestell- und Umsatzrückgangs (jeweils 75 % FÖM, 43,8 und 56,3 % OM). Durch diesen Befund bestätigten die Unternehmen einen Rückgang der Kapazitätsauslastung (59,4 % OM, 25 % FÖM). Inzwischen denkt die Oberflächenveredlungsindustrie global und ist auf das Funktionieren von Lieferketten angewiesen, denn 18,8 % der Unternehmen (OM) können nicht fertigen, weil die Lieferketten unterbrochen sind und 25 % der FÖM bzw. 15,6 % der OM sind dabei neue Märkte für ihre Produktion zu identifizieren.

Die Unternehmen in der Oberflächenveredlungsindustrie haben erkannt, dass das Instrument der Kurzarbeit (37,5 % FÖM, 46,9 % OM) hilft, den Mitarbeiterstamm zu halten und damit die Möglichkeit zu nutzen, sofort wieder arbeitsfähig zu sein, wenn die Nachfrage an den Produkten steigt. Nur 6,3 % der OM haben Mitarbeiter entlassen müssen. Gestählt durch die noch nicht zu lange zurückliegende Finanzkrise, durch ein effektives Management und nicht zuletzt bei nur 6,3 % der OM durch die staatliche Förderung, gelingt es den Unternehmen in der Oberflächenveredelungsindustrie derzeit die Produktion so aufrecht zu erhalten, dass eine wünschenswerte steigende Nachfrage bewältigt werden kann. Durch die unternehmensinternen Pandemiepläne und die erweiterten Hygienerichtlinien (96, 9 % OM, 100 % FÖM), verbunden mit Schulungsmaßnahmen zu den Hygienestandards, ist es den Unternehmen gelungen, den Schutz der Gesundheit und das Funktionieren des Unternehmens miteinander zu verbinden. Konkret haben Unternehmen Schutzkleidung zu Verfügung gestellt, Schichten geändert, Kantinen geschlossen und auf andere mitarbeiterfreundliche Angebote umgestellt, Dienstreisen untersagt, die Produktion sogar auf Desinfektionsmittel umgestellt und, wo möglich, die Mitarbeiter ins Homeoffice gebeten. All die Maßnahmen haben geholfen, die Verbreitung des Virus einzuschränken und das Restrisiko bis zur weltweiten Möglichkeit der Impfung oder der Erfindung eines Medikaments zu minimieren.

Schon zu Beginn der Krise hat der VOA seine Mitgliedsunternehmen zeitnah und effektiv informiert und auch praxisnah Formulare zu Verfügung gestellt sowie Videos zur Erläuterung. Mehr als 60 % (OM) und 75 % (FÖM) der Unternehmen haben diese Möglichkeiten genutzt.

Die weiteren Schritte aus der Krise sind bestimmt von den Regelungen der Bundes- und jeweiligen Landesregierungen. Da es an der Zeit scheint, die Wirtschaft nach der Pandemie wieder in den Fokus zu rücken, ohne den Schutz der Gesundheit als oberstes Gebot aus den Augen zu verlieren, geht es nun um den großzügigen Umgang mit fiskalischen Forderungen und der Rückzahlung staatlicher Hilfen sowie darum, die Rückzahlungsfrist bei der Stundung der Sozialversicherungsbeiträge zu verlängern. Darüber hinaus ist es für Unternehmen der Oberflächenveredlungsindustrie wichtig, einen reibungslosen Grenzverkehr zu ermöglichen sowie die Zollabwicklung zu erleichtern und den Pendlerverkehr unproblematisch zuzulassen, insbesondere um die Lieferketten stabil zu halten. Ein Strukturpaket ist auf den Weg zu bringen, um die Wirtschaft wieder effektiv in Gang zu bringen. Keinesfalls dürfen Steuern erhöht werden, um den Konsum weiter anzuregen und nicht stocken zu lassen. Wünschenswert wäre eine Senkung der Körperschaftssteuer, die Förderung von Investitionen (Abschreibungen) und die sofortige vollständige Abschaffung des Solidaritätszuschlags zur Stimulierung des privaten Konsums. Es geht darum, die Wirtschaft im Einklang mit der Gesundheit der Bürger wieder auf Kurs zu bringen, damit gewährleistet ist, dass die Menschen in Deutschland in Arbeit bleiben und Deutschland als Standort weiterhin Kraft entfaltet.


Autorenbeitrag von Dr. Alexa A. Becker